Fallstudie mit E-Learning

Dieses Interview erschien am 28. Januar 2005 in "ETH Life Print".
Interview: Marco Lehre und Dr. Thomas Piendl
Fotos: Nathalie Schmidig

Professor Scholz, in welcher Lehrveranstaltung setzen Sie eine webbasierte Lernumgebung ein?

Scholz: Wir setzen BSCW im Rahmen des Studiengangs Umweltnaturwissenschaften jährlich für die Lehrveranstaltung "Fallstudie" ein. Etwa 50 bis 60 Studierende bearbeiten darin jedes Jahr eine komplexe und umweltrelevante Problemstellung an einem realen Fall. Neben Studierenden sowie rund 10 Tutorierenden der ETH sind eine oder mehrere Partnerorganisationen, Behörden, Firmen, Vereine sowie Personen der interessierten Öffentlichkeit an den Arbeiten beteiligt. Diese stellen den konkreten Fall und erarbeiten zusammen mit Dozierenden und Studierenden das zu bearbeitende Thema, liefern Dokumente und Unterlagen. Idealerweise nutzen die Partner die erarbeiteten Ergebnisse anschliessend in ihrer Organisationsstruktur und integrieren die Erkenntnisse ins Tagesgeschehen. Der Schlussbericht wird in Form einer gedruckten Publikation von einem Verlagshaus veröffentlicht.

Was bieten Sie Ihren Studierenden innerhalb der Lernumgebung an?

Scholz: Primär bieten wir ihnen eine zeit- und ortsungebundene Bearbeitung von Dokumenten in einer gewohnten Arbeitsumgebung, nämlich dem Webbrowser, an. Zudem soll es den Betreuungspersonen möglich werden, von überall her Einblick in den Stand der Arbeiten zu nehmen. Mit Kommentaren, Ideen und Hinweisen sollen sie sich verstärkt ins Fallstudiengeschehen integrieren können und damit die Arbeit der Studierenden begleiten, anregen und vervollständigen. Wir machen die Erfahrung, dass BSCW mögliche Schwierigkeiten im Arbeitsprozess sichtbarer macht und uns eine frühzeitige Intervention erlaubt.

Was war der Grund dafür, dass Sie sich entschlossen haben, Ihre Lernveranstaltungen durch E-Learning zu bereichern?

Scholz: Wir wollten einerseits mit einem einheitlichen und einfachen webbasierten Kommunikationsmittel den Informationsfluss verbessern. Früher blieben viele wertvolle Informationsressourcen ungenutzt, weil oftmals die Beteiligten durch die örtliche Trennung der Arbeitsräume sowie durch unterschiedliche Präsenzzeiten nur mässig miteinander in Kontakt treten konnten. Andererseits sind wir überzeugt, dass E-Learning-Systeme wie BSCW eine grosse Zukunft haben und wir es den Studierenden schuldig sind, sie mit den Instrumenten von morgen auszubilden.

Gab es spezielle Gründe, warum Sie die Kooperations-Plattform BSCW ausgewählt haben?

Bösch: Während der Kriteriendefinition und Evaluation verschiedener Groupware-Lösungen stellte sich heraus, dass die Anforderungen der Fallstudie an eine Webplattform erstaunlich komplex sind. Von 22 in Frage kommenden Softwareprodukten erfüllte nur ein kleiner Teil die Mehrheit der Anforderungskriterien, BSCW dagegen sämtliche.

Was hat sich für Sie signifikant geändert, seitdem Sie BSCW verwenden?

Scholz: BSCW machte eine Art kopernikanische Wende im Papierverbrauch möglich. Wegen der übersichtlichen Dokumentstruktur innerhalb BSCW sammelt sich viel weniger Papier an. Zudem habe ich automatisch und gratis eine wohlgeordnete Dokumentation der vorangegangenen Fallstudien, was die Archivierung stark vereinfacht.

Wie wurde die Lernumgebung von den Assistierenden aufgenommen?

Bösch: Sehr gut. Der Einblick in den Arbeitsstand der einzelnen Gruppen und die Verfügbarkeit der Dokumente hat sich verbessert. Zudem ist das Werkzeug BSCW sehr einfach zu bedienen.

Wie reagieren die Studierenden auf die Online-Lernumgebung?

Scholz: Der Nutzen dieser Plattform ist für alle Studierenden klar und die Anwendung erfolgt mehrheitlich problemlos. Seit der Fallstudie 2002 lassen wir in einer jährlich stattfindenden Evaluation auch die Verwendung von BSCW bewerten. Die Studierenden fanden den Einsatz von BSCW im Rahmen der Fallstudie von Anfang an sinnvoll. Auf einer Skala von 1 bis 7 bekamen wir 2003 einen ausgezeichneten Mittelwert von 6.8.

Wie sehen Sie persönlich das Verhältnis von Aufwand und Ertrag eines BSCW-Einsatzes?

Bösch: Positiv. Vor allem auch verglichen mit der vorherigen File-Server-Lösung verursacht BSCW weniger Aufwand für den Unterhalt. Technische Probleme werden und wurden vom NET-Support in aller Regel schnell und professionell gelöst.

Welchen Tipp würden Sie Dozierenden geben, die über einen Einsatz von BSCW für deren Veranstaltungen nachdenken?

Scholz: Es ist wichtig, sich vorher zu überlegen, welche Produkte von welchen Personen, in welchen Subteams und zu welchem Zeitpunkt erzeugt werden. Daraus generiert sich eigentlich die Struktur, die Zugriffsberechtigung für die Personen und das ganze System von selbst.

Weitere Informationen zu webbasierten Lernumgebungen an der ETH finden Sie hier:
link ETHonline - aktuelle Lernumgebungen an der ETH
link Infos des NET - Network for Educational Technology zum Thema webbasierte Teamarbeit